Überfordert und unterschätzt?

Gepostet von in Mitgebloggt

Super spannende Teilnehmende. Aber irgendwie sind wir ein bisschen von der Hauptfrage abgewichen….

Hochschwellige Diskussion mit Hürden für diejenigen, die (noch) nicht im Museum arbeiten.

Die Frage war doch: MUSEEN- Überfordert und unterschätzt? Aber gesprochen wurde fast nur über Ausstellungen. Thema verfehlt?

Es wirkte wie ein „Karrieretag“, an dem die Teilnehmenden von ihrer Arbeit berichten, die Hauptfrage wurde kaum behandelt.

VERMITTLUNG war leider das Hauptthema

Das sind einige der Kommentare, die auf den Evaluationskärtchen der Veranstaltung „Museen – überfordert und unterschätzt?“ des Ausstellungsteams „Offen Gefragt!“ im Nachhinein zu finden waren. Insgesamt 26 Karten wurden abgegeben. 16 der Besucher*innen gaben an, zufrieden mit dem Verlauf des Abends gewesen zu sein, zehn hatten sich  mehr erhofft, zwölf Menschen fanden die Impulsstatements zu Beginn der Podiumsdiskussion schlecht, 15 fanden die Moderation ausbaufähig. Okay, gehen wir den Abend einmal durch…

Ein kleiner Raum, recht dunkel, atmosphärisches Licht. Vorne die Bar, im hinteren Bereich ist das Podium eingerichtet. Vier Stühle darauf. Ringsherum Bänke, Hocker, umfunktionierte Bierkästen mit bunten Kissen. An jedem Platz ist eine Mappe bereitgelegt. In ihr: Notizzettel, ein Bleistift und ein Evaluationskärtchen. Sehr gemütliche Stimmung, angenehme Umgebung, es wirkt hier nicht steif, sondern einfach liebevoll durchdacht und eingerichtet.

Die Gäste werden stiller, es geht los. Die Teilnehmenden auf dem Podium? Wiebke Trunk ist Kunstvermittlerin, Daniel Tyradellis freier Kurator und Monika Flacke hat die Sammlungsleitung des Deutschen Historischen Museums in Berlin inne. Wow. Große Namen, Spannung! Beeindruckend, dass sich Menschen von so unterschiedlicher disziplinärer Herkunft darauf einlassen, gemeinsam im Rahmen einer Veranstaltung von Studierenden zu sprechen.

Der Raum ist recht voll, fast alle Sitzplätze sind belegt, einige Menschen stehen noch im Gang und möchten auch zuhören. Der Moderator stellt zu Beginn die Teilnehmenden vor und ermutigt das Publikum zur Teilhabe, zum Fragenstellen und kritischen Anmerken. Im Publikum? Wie sich später aufgrund der Kommentare während der Diskussion und der Gespräche im Anschluss an die Veranstaltung herausstellt, sind hier mehrheitlich Menschen aus dem Museumskontext anzutreffen. Dies ist nicht weiter verwunderlich und vom Ausstellungsteam auch ein bisschen durch die Fragestelltung intendiert worden. Dennoch hatten sie sich ein wenig mehr „anderen“ Zuspruch erhofft. Hier wurzelt wohl auch die oben erwähnte Kritik der „hochschwelligen Diksussion“.

Es zeigt sich wie folgt:

Wiebke Trunk macht als erste ihren Standpunkt deutlich, will zum Denken und zur Veränderung im Museumsalltag anregen, ist dabei sehr zugänglich, freundlich, moderat und diplomatisch. In ihren Augen sollte der Kunstbegriff überdacht werden, damit er wieder angreifbar und kritisierbar wird, außerdem ist eine „absolute Deutungshoheit von Museen einfach absurd“. Trunk wünscht sich, dass Vermittelnde und Kuratierende von Anfang an zusammen arbeiten. Daniel Tyradellis lässt sich teilweise darauf ein, hat zumindest im Bereich der Vermittlung ähnliche Überzeugungen und ist der einzige, der an diesem Abend und in dieser Runde dazu in der Lage ist, mal einen Witz zu machen, auch wenn es manchmal fast angriffslustig wirkt. Er kritisiert, dass der Großteil von Ausstellungen so konzipiert sind, dass sie ganz viele Menschen und vor allem viele Perspektiven ausschließen. Er kritisiert auch die Ausstellung des Ausstellungsteams „Offen Gefragt!“. „Was ich da eben gesehen und gelesen habe, war voll von Ausschluss und nicht alles, `worüber Ausstellungen sonst nicht sprechen`, wurde aufgedeckt. So viele Fremdwörter… „kolonial“, „hegemonial“… Leute, macht ma´ locker! Jede Geste, jedes Wort ist machtvoll, aber ein Museum muss so etwas offenlegen!“ Seine Vorstellung von einer guten Ausstellung? „Fragestellungen, Thesen und Iszenierungen müssen anstößig sein, Reibung für die Besucher*innen bieten. Ausstellungen sollen Vorschläge machen, um über Themen nachzudenken. Ich möchte Themen mit ganz vielen Menschen teilen. Und manchmal kann das auch heißen, dass ich als Kurator Sachen machen muss, die ich totale kacke finde, aber von denen ich denke, dass sie etwas in Gang bringen.“ Der Standpunkt wird klar und scheint sich einer umstrukturierten Vermittlung zu öffnen.

Monika Flacke jedoch bleibt ihrem recht traditionell geprägten Verständnis der Institution Museum, ihren Ausstellungen sowie deren Vermittlung, treu. Einen Konsenz zum Thema Vermittlung gibt es zwischen den drei Diskutierenden nicht, im Übrigen auch nicht in der Runde der Anwesenden und das ist ja auch völlig in Ordnung. Nicht in Ordnung ist allerdings, wenn Monika Flacke ein ums andere mal betont, dass sie keine Vermittlung könne, dafür doch schließlich professionele Leute bezahlt würden und sie darauf auch keine Lust habe. „Ich möchte mich nicht einschränken lassen in dem, wie ich meine Ausstellungen gestalte. Ich kann mir nicht bei allen Objekten, allen Anordnungen und jeder Inszenierung schon im Vorhinein darüber Gedanken machen, wie und wen ich damit erreichen kann. Ich habe keine Lust auf diese ewige ‚political correctness‘. Man darf doch nicht nur sammeln, um zu vermitteln!“  Dass Vermittlung bei jeder Stiftung inzwischen stark eingefordert wird und kein Antrag ohne Vermittlungskonzept akzeptiert wird, betont sie so sehr, dass es scheint, Vermittlung würden die ‚echte‘ Ausstellungsarbeit behindern, dennoch sagt sie, dass es wichtig sei, Museumspädagog*innen von Anfang an mit einzubeziehen. Flackes Vermittlungsbegiff scheint sich auf eine Aufbereitung von Inhalten für Kinder und Jugendliche zu beschränken. Weitere Möglichkeitsräume, auf die unter anderem Tyradellis anspielt, in denen Vermittlung spannend wird, werden von Flacke zwar als „ganz toll, ganz prima“ deklariert, aber sie habe auf so etwas keine Lust.  Doch was könnte sich an Vermittlung verändern, wenn Personen unterschiedlichster Perspektiven diese konzipieren? Wie kann sich eine grobe erste Idee zu einem Ausstellungskonzept entwickeln, wenn Möglichkeiten zu ihrer Vermittlung mitgedacht werden? Was passiert, wenn `Vermittlung` größer und weitreichender definiert wird, also vielleicht bereits darin wurzelnd, welche Objekte aufbewahrt, eindeponiert, für museumswürdig empfunden werden, und welche eben nicht? All diese Fragen könnten Ausstellungen sehr stark bereichern. Stattdessen wurde rein oberflächlich, wenn auch fotrwährend, über Vermittlung gesprochen und Fragen zu Inklusion teils sogar vehement abgelehnt. „Man kann eben nicht für alle alles verständlich machen, will ich auch gar nicht“ ist die Meinung von Monika Flacke. Tyradellis ist der Überzeugung, dass die Frage nach dem WIE etwas vermittelt wird auch immer das WIE arrangiere ich es, beeinflussen muss. Nur dann könne das Mobiliar, das Licht, die Laufwege und die Texte auch daran angepasst werden.

Soweit sogut. Und was war jetzt nochmal mit der Frage: Museen – überfordert und unterschätzt?

Wiebke Trunk sagte ganz zu Beginn der Veranstaltung einmal: „JA! Zu beidem: JA!“ Was danach zu erwarten gewesen wäre? Eine Diskussion über Potenziale der Institution Museum und der Menschen, die in und mit ihr arbeiten. Das Erkennen von Chancen mutiger Museen, die sich nicht hinter dem Totschlagargument verstecken, das da heißt: „Wir haben dafür keim Geld!“ Natürlich ist es nicht leicht. Natürlich geht das alles nicht von heute auf morgen, erst recht nicht bei dieser seit Jahrhunderten gewachsenen und festgezurrten Wahrheitsmaschine. Die arbeitet eben langsam. „Aber die Museen, die sich was trauen, die innovative Ausstellungen und Vermittlungsangebote ausprobieren, sind nicht unbedingt die reichsten“, gibt auch Tyradellis zu bedenken. Und wie heißt es so schön? Wer will, findet Wege, wer nicht will, findet Gründe. Stimmt.

Was diese Diskussion auf jeden Fall eindrucksvoll bewiesen hat, ist die Vielfältigkeit der Ansichten von Menschen, (die Museum machen). Aus dem Publikum kamen mehrfach Anregungen und Erklärungen, wie es denn in ihren Museen gemacht würde. „Ihren“? Naja, das ist vielleicht übertrieben formuliert, aber dennoch: Alle Wortmeldungen kamen von Menschen, die selbst aktiv im Museumsalltag verstrickt sind, teilweise leitende Postitionen einnehmen. Hier saßen sie also versammelt. Auch für Museums-Laien wurde klar: Die Annahme, dass Museen etwas vermitteln, was der Wahrheit entspricht, was gesichert und objektiv ist, bleibt Wunschvorstellung. Alle Menschen haben so unterschiedliche Ansichten über die Welt und über Themenbereiche, sodass es schlichtweg unmöglich ist, diese unter einen Hut zu bringen. Und macht es das nicht eigentlich auch aus? Dass wir eben alle verschieden sind? Dass es zu derselben Fragestellung tausende Perspektiven, Meinungen, Ansichten geben kann? Dass auch im Museum einfach MENSCHEN arbeiten, die ihre eigene Geschichte haben, ihr Fachgebiet, und die auch Fehler machen? Lernen müssen? Tyradellis sagt dazu lachend: „Am Ende des Tages kann es ja durchaus auch sein, dass zwei Menschen auf der Erde Recht haben!“

Ja. Aber dann muss eben genau das offengelegt werden. Dann müssen Fragestellungen geöffnet und ein Publikum mit einbezogen werden. Nur dann kann eine Überforderung zu einer gerne angenommen Herausforderung werden und eine Unterschätzung zu einer Wertschätzung.