NS-Dokumentationszentrum München

Gepostet von in Ausstellungsbesuch

„Warum München?“ und „Warum eine Beschäftigung mit der NS-Zeit heute?“, sind die Leitfragen mit denen sich das NS-Dokumentationszentrum auseinandersetzt.

Als „Stadt der Bewegung“ ist München wie keine andere Stadt mit dem Aufstieg und folglich auch mit dem Terrorregime der Nationalsozialisten in Deutschland verbunden. Am 1. Mai 2015 eröffnete das als Lern- und Erinnerungsort bezeichnete NS-Dokumentationszentrum.

Der weiße Betonwürfel steht am Königsplatz auf dem ehemaligen Gelände des „Braunen Hauses“ – die einstige Parteizentrale der NSDAP. Nichts an der Architektur erinnert an das frühere Gebäude der Nazis. Er sticht hervor und hebt sich demonstrativ von den umliegenden  neoklassizistischen Bauten ab.

Oft stand das NS-Dokumentationszentrum noch vor dessen Eröffnung in der Kritik. Die verantwortlichen Architekten sagen „das NS-Dokumentationszentrum wird somit gleichsam zu einem neuen öffentlichen Standort für eine distanzierte Betrachtung des belasteten Umfeldes, der sie auf eine axiale Perspektive angelegte Platzkomposition bewusst aus einem anderen Blickwinkel vorführt“.[1]

Der Gründungsdirektor Prof. Dr.-Ing. Winfried Nerdinger äußert sich in einem Intervies wie folgt: Man kann immer über Architektur streiten, beispielsweise auch, ob Weiß, die Farbe der Unschuld, die richtige Farbe für ein NS-Dokumentationszentrum ist. Aber das Gebäude duckt sich nicht weg. Im Gegenteil: Es stört. Es ist eindeutig ein Zeichen der Moderne, das hier selbstbewusst in der (neo-)klassizistischen Umgebung am Königsplatz situiert wurde: Beton gegen Naturstein, Asymmetrie gegen Symmetrie. Man sieht, dass sich München seiner Vergangenheit stellt. Darauf kommt es an.“[2]

„Man sieht, dass sich München seiner Vergangenheit stellt“, genau das wird von anderer Seite stark bezweifelt. Nicht nur, dass das Gebäude keinerlei Assoziationen zu dessen darin verborgener Geschichte zulässt, es weißt auch noch eine verblüffende Ähnlichkeit zu der Münchner Zentrale von PricewaterhouseCoopers, die direkt an den Gleisen des Münchners Hauptbahnhof steht, (auf). Der Architekturkritiker Till Briegleb fordert sogar: „Sofort wieder abreißen.“[3]

Eine weitere Kritik ist (lautet), dass das NS-Dokumentationszentrum keine neuen Forschungsergebnisse oder Rückschlüsse auf die Frage „Warum München“ präsentieren würde. Der NS-Experte Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte in München kritisiert, die Ausstellung habe den „Charakter einer reinen Materialsammlung“ und eine „historische Verortung Münchens fehlt“.[4] Auch diese Kritik verweist auf die ausbleibende, oder nicht sichtbar gemachte Auseinandersetzung, der Stadt München mit ihrer Vergangenheit als „Stadt der Bewegung“, die den Beginn des Aufstiegs Hitlers markiert.

Und ja, es ist schon verwunderlich, dass das NS-Dokumentationszentrum vor allem auf Reproduktionen und nicht auf Originaldokumente setzt. Auf vier von insgesamt 6 Etagen werden Informationen über die Geschichte der Stadt München und Deutschland unter der NSDAP gezeigt.

Beginnend in der vierten und obersten Etage wird chronologisch ab dem Jahr 1918 bis heute der Nationalsozialismus in Deutschland thematisiert. Dabei liegt der Hauptfokus auf der Stadt München. In den beiden unteren Etagen befinden sich Garderobe, Cafe, Lesesaal und Auditorium. Im Eingangsbereich und dem Foyer kann man entweder über die Treppe – die erste Blicke auf die einzelnen Etagen ermöglicht- oder mit den Aufzug in den vierten Stock fahren in dem die Ausstellung beginnt.

Die eingesetzten Fenster ermöglichen einen Blick auf den Königsplatz und dessen Umgebung. Dabei ist die Sicht nicht klar. Die Fenster scheinen – ähnlich dem Effekt eines Fliegengitters – bearbeitet worden zu sein. Ein Hinweis auf damals und heute, eine Trennlinie zwischen Vergangenheit und Gegenwart? – der Königsplatz als Propagandaort der NSDAP existiert nur noch innerhalb des Gebäudes und auf Replikaten.  Der Ort und die Umgebung in der wir uns befinden, ist heute eine andere, als zu Zeiten der Nationalsozialisten.

Die Ausstellung öffnet sich wie ein Lehrbuch: Stellwände und Lichttische zeigen eine Vielzahl an Reproduktionen von Schriftstücken, Fotos und Erklärungstexten. Des Weiteren werden Filmprojektionen und digital animierte Karten und Statistiken gezeigt. Filmausschnitte werden an die Wände projiziert oder auf Monitoren sichtbar gemacht. Keinerlei dreidimensionale Objekte sind in der Ausstellung zu finden.

Nerdinger sagt selbst: „Es ist kein Museum in dem Sinn, dass man hier Originalobjekte aus der Zeit des Nationalsozialismus zu sehen bekommt. Es ist ein Lern- und Erinnerungsort, das heißt: Sie finden hier alle Fakten zur Münchner NS-Geschichte.“[5]

Dem kann ich nur zustimmen. Den Besucher*innen offenbart sich eine derart große Informationsflut, dass ich es als fragwürdig erachte, ob es möglich ist alle Informationen eingehend zu betrachten. Aber das muss ja vielleicht auch nicht. Die immer gleich bleibende Inszenierung lässt auch visuell keine Differenzierung der angebotenen Informationen zu. Die visuell erhobenen Unterscheidungen bewegen sich zwischen Stellwand, Lichttisch oder Projektionen an der Wand. Eine einzige Ausnahme stellt die besondere Inszenierung einiger Stellwände mit großformatigen Fotografien dar: die Treppe zur nächsten Etage hinablaufend, blicken die Besucher*innen auf eben die besonders in Szene gesetzten Fotografien.                 Die Nutzung des Audioguids ist bei dieser Dauerausstellung sehr zu empfehlen. Dabei kann zwischen verschiedenen Aussprachen gewählt werden. Die Standard Aussprache enthält Tonsequenzen von der NSDAP Propaganda, speziell von Hitler. Jede Stellwand ist mit einer Nummer versehen, die in den Audioguide eingegeben werden kann. Ein Erlebnisort ist es nicht – der Lehrbuchcharakter ist unübersehbar.

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Verwunderlich ist, dass in der gesamten Ausstellung keine Sitzgelegenheiten angeboten werden. Abgesehen davon, dass eine Sitzgelegenheit bei einer derartigen Informationsfülle sehr angenehm wäre, ist es besonders für Besucher*innen hören Alters oder mit körperlicher Beeinträchtigung eine Notwendigkeit. Im allgemeinen kann diese Dauerausstellung nicht als barrierefrei bezeichnet werden, was einer Vielzahl von Besucher*innen den Zugang verwehren dürfte.

Der zu Beginn genannte Kritikpunkt, die Stadt München stelle sich nicht seiner Vergangenheit, ist aus einer Perspektive nachvollziehbar. Die ‚Neutralität’ der Architektur des Gebäudes kann als Distanzierung zur Vergangenheit verstanden werden. Vielleicht soll der für viele kulturelle Veranstaltungen genutzte Königsplatz kein Gebäude präsentieren, das seinen Besucher*innen den Atem des Terrorregimes der NSDAP spüren lässt. Es erweckt den Anschein, als wolle man das Geschehene visuell verdrängen, ein Gedenken der einstiegen Funktion des Königsplatzes auf das innere des Gebäudes verlagern. Ist es das, was von einem NS-Dokumentationszentrum zu erwarten ist, noch dazu an so einem elementare wichtigen Ort der Nationalsozialisten? Kennzeichnet die Diskussion über das NS-Dokumentationszentrum in München vielleicht die Debatte über die teils zwiegespaltene Debatte über den Umgang mit der Vergangenheit Deutschlands unter den Nationalsozialisten? 

Und ja, die Dauerausstellung hat den Charakter einer reinen Materialsammlung. Dazu bezweckt der Einsatz von Reproduktionen eine zusätzliche Distanz. Um es im Sinne Walter Benjamins zu formulieren: den ausgestellten Replikaten fehlt die Aura.[6] Durch die Reproduktion hat sich dessen Repräsentation verändert: Die Schärfe und Härte möchte ich als abgemildert beschreiben. Perfekt aufgearbeitet und hinter Glas inszeniert, verlieren sie ihre auratische Aussagekraft der gräulhaften Taten der Nationalsozialisten und dessen Verbundenheit zur Stadt München.

So mag das NS-Dokumentationszentrum aus einer Perspektive den Eindruck erwecken, als käme die Stadt München ihrer Verantwortung in Bezug auf die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit und Rolle zu Zeiten der Nationalsozialisten nicht nach und erbaut deshalb eine Dokumentationszentrum mit einem Ausstellungskonzept, das eine deutliche Distanz schafft. Dabei greifen Architektur und Ausstellungs-konzept schlüssig ineinander.

Nichtsdestotrotz hat die Stadt München an einem historischen Ort ein Gebäude errichtet, dass sich durch seine Architektur stark von seiner Umgebung abhebt und somit den Blick vom Königplatz zur Brienner Straße dominiert. In diesem dominant hervortretenden Gebäude wird nun, wenn auch über ein sehr diskutierwürdiges Ausstellungskonzept, die Geschichte Münchens, die Bedeutung des Königsplatzes für die NSDAP thematisiert. Darüber hinaus bietet das NS-Dokumentationszentrum eine APP „Orte Erinnern. Eine App zu Orten der NS-Zeit“ an. Diese App kann kostenlos heruntergeladen werden und bietet Informationen zur NS-Geschichte in Bezug auf mehr als 100 Orten in und um München. Zudem wurde ein Kurzführer, als auch ein 624-seitiger Sammelband veröffentlicht in dem Bilder und Texte aus der Ausstellung und Aufsätze von Historikern zusammengeführt sind. Diese können im Lesesaal von Besucher*innen eingesehen werden.

In der ersten und somit letzten Etage der Ausstellung werden Informationen zur heutigen Zeit und des Nationalsozialismus gezeigt. So hängt an der Wand ein großer Monitor, der Schlagzeilen über Rechtsextreme Taten z.B. zum NSU Prozess digitalisiert. Im Rücken die Sonderausstellung: „Der Warschauer Aufstand 1944“. So geht man die letzten Treppenstufen zum Foyer und dann ins Freie doch sehr nachdenklich.  Beklommen von der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und aktuellen Rechtsextremen Straftaten.

foto wand heute

[1]http://www.georgscheelwetzel.com/pro_03/pro_0313.htm

[2]http://www.welt.de/regionales/bayern/article139701284/Wir-sind-an-einem-Taeter-Ort-Das-ist-wichtig.html

[3]http://www.art-magazin.de/architektur/sofort-wieder-abreissen/12070-rtkl-folge-1-ns-dokumentationszentrum-muenchen-sofort

[4]http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kritik-an-ns-dokumentationszentrum-muenchen-a-867230.html

[5]http://www.welt.de/regionales/bayern/article139701284/Wir-sind-an-einem-Taeter-Ort-Das-ist-wichtig.html

[6]Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: ders.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Drei Studien zur Kunstsoziologie, 6 Aufl., Frankfurt/m.: Suhrkamp 1963.