Mitgebloggt: Kurator_innen von Homosexualität_en im Gespräch

Gepostet von in Mitgebloggt

Veranstaltung:
Dare the im_possible/ Wage das Un_mögliche
Panel:
Funktionieren queerfeministische Interventionen im Museum?

Eine der populärsten, queerfeministischen Interventionen in Museen waren die Aktionen der Guerillia Girls, die mit statistischen Auswertungen auf strukturelle Benachteiligung von Frauen und auf strukturelle Unterdrückung hinwiesen. Die Guerrillia Girls sind eine Gruppe, die von außen Museen betrachtet und Kritik anbringt. Kann es ebenso funktionieren, aus dem Inneren der musealen Strukturen die Institution zu verändern?

Guerillia Girls

Copyright © Guerrilla Girls;    Website: Guerilliagirls.com

Die Kurator*innen der Ausstellung Homosexualität_en, die noch bis zum 1.12.15 im Schwulen Museum*, Berlin, und dem Deutschen Historischen Museum, Berlin, stattfindet, haben genau dies versucht. In der Podiumsdiskussion von Dare the im_possible haben sie von ihren Intentionen und Erfahrungen berichtet. Eingestiegen wurde mit der Bitte, ein Objekt vorzustellen, das mit der folgenden Frage zusammenhing:

„Welcher Raum, welches Objekt, welches Thema der Ausstellung war für dich in der Umsetzung verbunden mit der Erfahrung einer Grenze, dem Eindruck, etwas ließe sich nicht darstellen? Wo wurde für dich ein unübersetzbarer, politischer, widerspenstiger Rest, der sich gegen seine Musealisierung sträubt, erfahrbar?“

Dorothée Brill beantwortete die Frage erstmal mit einer generellen Frage, warum eigentlich die Ausstellung mit Kunstwerken arbeite. Dies werde von Rezipient*innen zwar dankbar angenommen und teilweise auch erwartet, aber beantworte die Frage nicht, warum eigentlich gerade Kunstwerke genutzt würden. Es ging nicht darum die Kunst von LGBT*I*QPIA Menschen zu zeigen. Sondern dienten Kunstwerke in der Ausstellung als ein Mittel, um etwas zu verdeutlichen, was mit dem queeren des Museums verbunden ist.

QueerfemInterventionen1
Als Objekt hat Dorothée Brill Brontosaurus von Sam Taylor-Johnson ausgewählt. Brontosaurus ist ein Video, in dem ein nackter Mann in einem Raum tanzt. Das Video ist extrem verlangsamt, während die Tonspur, ein klassisches Streichquartett, in Echtzeit abläuft. Es ist deutlich erkennbar, dass ein Bruch zwischen dem Tanz des Mannes und der seperaten Tonspur existiert. Besonders, weil der Mann eigentlich ausgelassen und teils ekstatisch zu Jungle Techno tanzt.

In dem Werk, schließt Dorothée Brill, geht es um die Veränderung von Wirkungen anhand verschiedener Werkelemente. Es spiele mit der Frage, welche Veränderung in der Interpretation durch Veränderungen im Medium passieren. Auf ihrer Website schreibe die Künstlerin, es ginge in Brontosaurus um einen Tanz zwischen Leben und Tod.  Brill geht daher weiter und erklärt, dass dieses Werk, anhand der Beschreibung und den bisherigen Werken der Künstlerin, mit höchster Wahrscheinlichkeit nichts mit Homosexualität zu tun habe.

Aber es sei trotzdem ein Schlüsselwerk für die Ausstellung Homosexualität_en. Es zeige die Hinterfragung der Wirkungsweise von Bildern. Und dadurch veranschauliche das Video auch, wie die Erscheinungsweise von Menschen durch die Brille von Geschlechtermodellen wahrgenommen wird und zwischen diesen binären Polen gefangen sei. Denn in dem Video erhalte der Tänzer eine weibliche Konnotation.

Mittels der Kunstwerke solle das, was sich nicht verdinglichen lässt, nämlich das Spiel zwischen Betrachter*in und dem Gesehenen, zwischen denen es eine riesige Bedeutungsproduktion gibt, spürbar gemacht werden. Das heißt, es sollte ein Mechanismus der Wahrnehmung durch die Ausstellung infrage gestellt werden. Und das sei, so Dorothée Brill, das, was eine queere Intervention im Museum ausmachen könne: Mit dem, was 1 zeigt und wie 1 zeigt, das Sehen zu queeren, also über bestehende Konventionen hinaus zu erweitern.


Birgit Bosold beschreibt, wie wichtig es ihr war, sich mit der Ausstellung politisch zu positionieren, da viele Ausstellungen sich nicht positionieren oder nur eine Konsensualmeinung reproduzieren würden. Für die Ausstellung wurde so kuratiert, wie die drei Kurator*innen es wollten. Dabei wären nur 2 Probleme aufgekommen. Das erste sei eine pornografische Abbildung in der Ausstellung, die aufgrund von Jugendschutz kurzzeitig abgehängt werden musste und inzwischen mit Zensurbalken wieder in der Ausstellung hänge. Die Entscheidung, die Zensur offen darzustellen solle auch ausstellungspolitische Richtlinien offen legen. Das zweite Problem habe es mit es mit dem Plakat gegeben, das Bosold als ihr Objekt ausgewählt hat.

QueerfemInterventionen2

Das Deutsche Historische Museum habe das Plakat als problematisch empfunden und die Community genauso. Der wesentliche Einwand war, dass die Ausstellung doch zeige, dass endlich homosexuelle Personen in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien und das Plakat sie nun als Monströsitäten diskreditiere – damit schieße sich die Ausstellung ja doch selbst ins Knie.

„Wenn Anerkennung davon abhängt, dass wir uns normalisieren, dann müssen wir da nochmal drüber diskutieren.“
Für Birgit Bosold war nach der Aussage klar, dass das Plakat genau die richtige Entscheidung gewesen war. Sie sieht nicht, dass die politische Haltung einer queerfeministischen Bewegung sein könne, dass bestimmte Werte mit dem Rest der Gesellschaft geteilt werden. Die Öffnung für neue Lebensentwürfe sei das Wichtige und dürfe nicht der gesellschaftlichen Akzeptanz geopfert werden.

Das Plakat verhandele Verschiedenes: Was ist Körper, was ist Sexualität und was ist Geschlecht? Bosold begreift Homosexualität als einen der Orte, in dem die Geschlechterordnungen ausgehandelt werden, weswegen dieses mehrere Diskurse verhandelnde Bild sich sehr gut für die Ausstellung Homosexualität_en eignen würde. Im Nachhinein würde das Plakat aber auch die Ausstellung selbst in Frage stellen. Es diene als Sinnbild, was und wer bei der Ausstellung ausgeschlossen wurde, da die Ausstellung durchaus auch Ausschlüsse produziere. Und damit gebe es auch einen Anreiz weiterzudenken.

Die Erfahrung von Detlef Weitz in 17 Jahren, in denen er Ausstellungen gestaltet, ist, dass es in den Ausstellungen immer erstmal um Objekte und Werke gehe. Anderes, wie zum Beispiel Künstlerbiographien, kommen häufig zu kurz. Eine Ausstellung über Homosexualität*en musste für ihn einfach mehr bieten als das. Daher is das Objekt, was er gewählt hat, ein Bereich des Deutschen Historischen Museums ‚Das Private ist politisch‘.

QueerfemInterventionen3

In dem Bereich sollen die Codes und Zeichen, die queere Personen zu unterschiedlichen Zeiten als Erkennungsmerkmale nutzten, ausgestellt werden. Die Zeichen seien dynamisch und würden sich ständig verändern, was für klassische Ausstellungskonzeptionen hochproblematisch in der Darstellung sei. Denn durch Exponate seien diese Zeichen kaum belegbar. Besonders, weil es besonders häufig performative Zeichen seien, wie körperliche Gesten, die höchstens in wenigen künstlerischen Arbeiten repräsentiert werden.

Anstatt bei den Objekten hängen zu bleiben entschied sich Detlef Weitz dafür, den Raum zu gestalten. Den Raum habe er mit einer Tapete gestaltet, die den Raum in ein Gewimmel verschiedenster, queerer Gesten kleide. Teile der Gesten seien aus dem Privaten, Teile aus dem Politischen. Das Private sei ja politisch, also passe das schon. Die Gesten an der Wand seien dafür da, einen kommunikativen Hintergrund für die Objekte zu bilden. Die verschiedenen Objekte sollen dann miteinander und mit der Tapete in Kontakt treten. Dadurch soll der Bereich des eigentlich Unaussprechlichen und Unzeigbaren von Zeichen, Gesten und Codes ermöglicht werden, da es sonst eigentlich keine Exponate oder vitrinengeeigneten Objekte zu dem Thema gäbe.

Das Ziel der Ausstellung sei, gerade in diesem Teil, der sich im Deutschen Historischen Museum befinde, mit typischen Museumsformaten zu brechen und Formate lockerer zu machen. Das drücke sich auch im Exponatschild aus. Das Exponatschild sei nicht zu unterschätzen, da es eine autoritäre Geste darstelle – es sage, was dies sei und was dies bedeuten soll. Um gegen diese Autorität anzugehen, wurde das Exponatschild einfach an die Wand gekritzelt. Ganz viele Standards wurden ähnlich angegangen und, nach einigen anfänglichen Zweifeln, außerordentlich positiv vom Team des Deutschen Historischen Museums aufgenommen. Das sei zwar nur eine kleine Form der Intervention, die in Details Dinge anders mache, sich aber als Grenzüberschreitung gelohnt habe.


Warum ausgerechnet eine Intervention im Museum?

Bosold: Warum nicht? Ausstellung oder kulturelle Arbeit sei eine Möglichkeit gesellschaftlicher Interventionen. Das Format sei sehr vorteilhaft, weil es multiperspektivisch funktioniere, ein Erleben des Gezeigten miteinbinde und komplex sei. Eine Ausstellung sei weder Buch noch Parteiprogramm. Ausstellung sei eine Möglichkeit, auf verschiedensten Ebenen zu senden und zu empfangen. Dazu sei diese Ausstellung die erste Ausstellung über Homosexualität*en gewesen, die es bislang im Deutschen Historischen Museum gegeben habe. In den Räumen kultureller Repräsentationen, wie Ausstellungen, Filme etc., sei die Dominanz des weißen heterosexuellen Mannes immer noch ungebrochen. Und in der Repräsentation der Historie des LGBT*I*QPIA Spektrums ist auch die Dominanz des weißen schwulen Mannes ungebrochen. Und es mache nun einmal etwas mit Betroffenen, in der eigenen Geschichte nicht abgebildet zu werden. Daher müsse gerade in den Räumen kultureller Repräsentation interveniert werden.

Brill: Durch das Zeigen verschiedener Werke in dem Kontext dieser Ausstellung bekommen die Werke selbst eine neue Lesart. Das ist auch schon eine kleine Form der Intervention.

Mit welchen Mitteln wurde gearbeitet, um eine komplexe Geschichte von Homosexualität_en darzustellen? Gibt es ein Rezept dafür?

Bosold: Jede Geschichte könne gegendert werden. Das Archiv habe ein Verhältnis schwuler zu lesbischer Werke von 80:20. Das Material zu schwulen Werken überwiege also stark. Die Entscheidung, nicht das Archivverhältnis zu reproduzieren, hat zum Ergebnis, dass man 1 mal ein bisschen länger suchen müsse, anstatt das Naheliegende zu nehmen. Aber das sei interessant und mache auch Spaß. Und eine Geschichte von Homosexualität*en sei nicht begreifbar ohne Feminismus und den Diskurs über Geschlechterordnungen. Es gehe dabei auch um historische und politische Genauigkeit.

Weitz: Eine Möglichkeit, ein solches Rezept zu formulieren, sei jeden Bereich und jeden Raum als einzeln und eigenständig zu denken, um möglichst viele Zugänge und Perspektiven auf das Thema zu erhalten. Andere Ausstellungen, gerade die Ausstellungen des Deutschen Historischen Museums,  haben eine Geste, eine Leitlinie, eine Chronologie, nach der sich alles in der Ausstellung ausrichte. Daher sei es das Ziel jeden Raum einzeln zu denken und in den Räumen auch Widersprüche und Dissonanzen zuzulassen. Und das bedeute auch, *die Besucher*in immer neu zu involvieren. Gleichzeitig auch das Problem, wie weit 1 jemanden in einer Ausstellung involvieren könne, da stoße 1 automatisch auf Grenzen.

Brill: Die Ausstellung erscheine sehr viel zu sein und solle durch ihre Fülle darstellen, dass es ein außerordentlich großes Feld ist, dass aber gar nicht abschließend zu behandeln sei. Brill lehnt es stark ab die*den Besucher*in an die Hand zu nehmen und von Raum zu Raum zu bringen, es sei kein Ziel, eine Geschichte von A-Z zu erzählen.

Bosold: „Ein Rezept wäre: niemals Chronologie!“ Chronologie sei im Grunde ein autoritärer Gestus. Es zwinge in einer bestimmten Richtung durch eine Ausstellung zu laufen. Es tue so, als würde eine zeitliche Ordnung eine Kausalität habe. Ein Vorteil von Ausstellungen im Gegensatz zu Büchern sei ja gerade, dass 1 nicht von hinten nach vorne durchlaufen müsse. Bei der Ausstellung Homosexualität_en wurde daher darauf geachtet, dass die Räume in jeder Reihenfolge laufbar seien. Niemand werde an die Hand genommen. Es sei eine nicht-autoritäre Ausstellung. Dieses Moment von Freiheit soll auch die Freiheit, die Homosexualität_en bieten, abbilden.

Eine Sonderausstellung, die ist ja nur recht kurz und dann wieder weg – kann das überhaupt eine Intervention sein?

Brill: Es sei die Hoffnung, dass nach dem Ende der Ausstellung die Fingerabdrücke der Ausstellung auf den Objekten bleiben und die Objektbiographie so verändert werde. Ebenso ist die Hoffnung, dass auch die Haltung des Teams vom Deutschen Historischen Museums sich nachhaltig geändert habe. Die hätten gerade am Anfang Probleme damit gehabt, ob denn der Ausstellungsinhalt historisch genug seien. Oder ob die nötige Distanz da sei.

Weitz: Sonderausstellung ist, neben der Forschung, das Instrument schlechthin um Kunstgeschichte mitzugestalten. Durch den Erfolg der Ausstellung Homosexualität_en hofft Weitz, dass ein Umdenken in Museen stattfindet. Die Ausstellung Homosexualität_en sei ein wichtiger Schritt, aber auch erst nur ein Rütteln an der Tür und noch nicht das Öffnen der Tür.

TEILNEHMER*INNEN:

Birgit Bosold – Vorstand Schwules Museum*, Berlin

Dorothée Brill – Hochschule für Bildende Künste, Braunschweig

Detlef Weitz – Büro für museale und urbane Szenografie, Berlin

Hannah Fitsch – Technische Universität, Berlin (Moderation)

Die Bilder sind Screenshots des Livestreams der Veranstaltung.

Nähere Infos zur Dare the im_possible

Nähere Infos zu Homosexualität_enSchwules Museum*DHM