Ganz große Kunst

Gepostet von in Ausstellungsbesuch

Alfons Muchas „Slawisches Epos“ // Messepalast // Prag

Ach Herr Mucha,
über fast zwei Jahrzehnte an einem aus zwanzig großformatigen Gemälden bestehenden Bilderzyklus zu arbeiten, ist wahrlich eine Herausforderung, die Sie zu Lebzeiten gemeistert haben. Ihr „Slawisches Epos“ stellt in einem realistisch-monumentalen Stil Ereignisse aus der Geschichte der slawischen Völker, insbesondere Ihres geliebten tschechischen Volkes dar. Bis zu acht Meter breit und sechs Meter hoch sind die Gemälde und passen somit nicht gerade über die Sofas in den Wohnzimmern dieser Welt. Diese Form der Präsentation war von Ihnen aber wohl auch nie intendiert. Als Sie das „Slawische Epos“ 1928 erstmals der Öffentlichkeit im Messepalast, im Prager Stadtteil Holsĕvice, präsentierten, hatte das tschechische Volk nur Kritik für Ihren nicht mehr zeitgemäßen Stil übrig. Dieser passte seiner Meinung nach wohl besser ins vergangene Jahrhundert. Dennoch wollten Sie den Slawen und der Menschheit ein Geschenk machen und übergaben die Gemälde der Stadt Prag mit der Bedingung, dass dafür ein eigener Ausstellungspavillon gebaut wird.

IMAG1899Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass dies, trotz Bemühungen seitens der Stadt Prag, nicht geschehen ist. Im Gegenteil. Man präsentierte die Gemälde von 1963 bis 2012, nachdem sie der Öffentlichkeit zuvor gar nicht zugänglich waren, ausgelagert in einem Schloss in Mähren. Seit Mai 2012 lassen sich Ihre allegorischen, religiösen und kriegerischen Darstellungen in der großen Halle des Messepalastes bestaunen. Diese wurde in den 1920er Jahren für die Präsentation großer Maschinen bei Schauen der tschechoslowakischen Industrie- und Handelsbetriebe genutzt. Heute noch erinnern mächtige Portalkräne unter dem Glasdach an die ursprüngliche Nutzung der Halle. IMAG1894Ich weiß nicht, wie Sie sich den eigens für den Bilderzyklus erbauten Pavillon vorgestellt hätten? Vielleicht hatten Sie nicht unbedingt den Industriecharme im Hinterkopf? Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass die funktionalistische Architektur des Messepalastes einen enormen Kontrast zum Stil der Gemälde bildet und mich gerade diese Kombination beim Betreten der Halle beeindruckt hat. So hoffe ich, dass Sie nachsichtig mit der Stadt Prag sein können. Ihrem Geschenk an die slawischen Völker wird vielleicht kein eigener Bau errichtet, doch wird es auf stimmige Art und Weise in einem Gebäude präsentiert, das ihm vielleicht sogar gerechter wird als Sie vermuten würden.