Fragestellung: Andere »Kulturen« oder »Kulturen« mal anders?

Gepostet von in Essay, Nachgefragt

Die Spannung steigt. Am 16. April wird die Ausstellung „Offen gefragt! Wovon Ausstellungen sonst nicht sprechen“ eröffnet und es gibt noch viel zu tun. In den kommenden Wochen erfahrt ihr von uns mehr über die 10 Fragestellungen, die im Zentrum der Ausstellung stehen, und bekommt erste Informationen über die gezeigten Objekte der Ausstellung. In dem folgenden Interview stellen wir euch die Fragestellung „Andere »Kulturen« oder »Kulturen« mal anders?“ vor und verraten, worum es einer der Ausstellungsmacherinnen, Hannah Fiedler, geht.

Kritisch befragt sie die museale Repräsentation von der Welt als Mosaik verschiedener „Kulturen“. Folgende Fragen werden gestellt: „Ist diese Sichtweise angesichts der weltweiten Bewegungen von Ideen, Dingen und Menschen zutreffend? Sind Museen in der Lage, anders über kulturelle Zugehörigkeiten und Traditionen zu sprechen? Welche Möglichkeiten gibt es, die Komplexität der Welt ins Museum einziehen zu lassen und „Kulturen mal anders“ zu denken?“

Seit längerem beschäftigt sich die Ausstellungsmacherin und Studentin mit dem Umgang und mit der Darstellung von Migration in Museen. Viele Museen würden des Öfteren auf Erklärungsmuster zurückgreifen, die die Ausstellungsmacherin, als „Denken in kulturellen Schubladen“ beschreibt. Im Sinne des Postkolonialismus ist von der Annahme auszugehen, dass zur Legitimation des Kolonialismus herangezogene Vorstellungen über ‚fremde’ Kulturen, über ‚uns’ und ‚die Anderen’, existieren, die bis heute prägend sind und in Museen reproduziert werden. Die museale Präsentation von Objekten ist oft auf dieses nationale Denken zurückzuführen und verbirgt den transkulturellen oder transnationalen Charakter der Objekte.

Exhibition_ismus: Hannah, warum hast du dich für das Thema „Andere »Kulturen« oder »Kulturen« mal anders?“ entschieden?

Hannah: „Mich fasziniert, dass Museen, als ‚vertrauenswürdige Informationsmedien’ gelten und selten wahrgenommen wird, dass museale Präsentationen als Repräsentationen zu verstehen sind; dass Museen entscheidend dazu beitragen, Vorstellungen zu etablieren und zu reproduzieren; Dass sie also nicht unpolitisch sind. Ausstellungen sprechen nicht von ihren kolonialen Kontinuitäten, und vom Beitrag, den Ausstellungen und Museen zu Kolonialismus und darauf basierenden Ungleichheitsverhältnissen in der Welt beigetragen haben.“

Exhibiton_ismus: An diesem Punkt schließt dein Thema an das Leitthema der Ausstellung an?

Hannah: „Ja, mich beschäftigt die Frage, wie Museen zu einer Wahrnehmung von Transnationalität und      Transkulturalität beitragen können. Das ist etwas wovon Ausstellung sonst nicht oder noch zu wenig sprechen. Mir geht es darum zu zeigen, dass Menschen, Dinge und Ideen in Bewegung und in einem permanenten Prozess der Transformation sind. Ich möchte ausloten, inwiefern Museen in der Lage sind neue Sichtweisen auf ,kulturelle Identitäten‘, auf Grenzen zwischen Gemeinschaften, auf ,Eigenes‘ und ,Fremdes‘, auf kulturelle Ausdrucksformen anzustoßen – abseits eines essentialistischen Kulturverständnisses.“

Exhibition_ismus: Deine Ausstellungsobjekte sind ein Dirndl à l‘ Africaine der Firma Noh Nee und eine Gnocci-Reibe. Inwiefern stehen diese Objekte in Verbindung mit deiner Fragestellung?

Hannah: „Sie lenken den Blick auf eben diese allgegenwärtige Transkulturalität und Transnationalität. Beide Objekte haben einen Background den man auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Die Gnocci-Reibe habe ich gewählt, um eine Migrationsgeschichte zu erzählen. Das Kleid um kulturelle Verflechtungen und Transformationsprozesse zu thematisieren und aufzuzeigen wie sehr sich ,Kulturelles‘ permanent verändert“.

Exhibition_ismus: Entschuldige bitte, aber auf den ersten Blick könnten beide Objekte vielleicht sogar fast als banal bezeichnet werden. Inwieweit werden diese doch sehr komplexen Themen von den Objekten repräsentiert?

Hannah: „Das Dirndl à l‘ Africaine von Noh Nee, also ein Kleid im Dirndl Schnitt der 50er Jahre, aus Stoffen, die als ,traditionell afrikanisch‘ wahrgenommen werden wird von der Designerin selbst als Zeichen für dynamische ,Aneignungen‘ kultureller Ausdrucksformen verstanden. Es ist vor allem auch wichtig, die Geschichte des Stoffes zu kennen, denn was auf den ersten Blick als ,traditionell‘ erscheint, verrät in Wirklichkeit viel über die Verknüpfungen von ,Kulturen‘. ,Kulturelles‘ kann nicht starr gedacht werden.“

Exhibition_ismus: Du hast gesagt, dass du die Gnocci-Reibe gewählt hast um die Migrationsgeschichte im Museum zu thematisieren. Wie muss ich mir das vorstellen?

Hannah: Die Gnocci-Reibe kam mit ihrer Besitzerin aus Uruguay nach Berlin, Diese ist eine Berlinerin mit einem italienischen Pass, die in Uruguay geboren wurde. Es gibt eine spezielle Tradition Gnocchi zu machen, die durch italienische Einwanderung nach Uruguay entstanden ist. Die Gnocci-Reibe wird nur zu einem bestimmten Zeitpunkt im Monat benutzt. Das Objekt ist migriert, die Leihgeberin ist migriert und es gibt die Tradition, die sich durch Migration entwickelt hat.

Exhibition_ismus: Könnte man also sagen, dass du durch einen anderen Blickwinkel und daraus resultierende Fragen an die Objekte, Geschichten über sie sichtbar werden lässt, die sonst nicht erzählt werden?

Hannah: „Ja. Du hast selbst gesagt, dass die Objekte auf den ersten Blick fast als ‚banal’ bezeichnet werden könnten und das stimmt. Aber betrachtet man die Objekte genauer, stellt man andere Fragen und nimmt so andere Blickwinkel ein. Andere Aspekte können beleuchtet werden, die sonst nicht sichtbar werden oder von denen Ausstellungen eben zumeist sonst nicht sprechen. Dazu muss ich allerdings sagen, dass beide Objekte schon einmal in einer Ausstellung zu ähnlichen Themen präsentiert worden sind. Das verdeutlicht auch, dass ein Prozess des Umdenkens beginnt oder zumindest denkbar ist. Es gibt einige Museen im deutschsprachigen Raum, beispielsweise einige Stadtmuseen und die ethnologischen Museen in Köln, Frankfurt und Basel, die sich kritisch mit dem Kulturbegriff auseinandersetzen. Eben diesen und die Möglichkeiten, die daraus resultieren können, möchte ich im Rahmen der Ausstellungen untersuchen.“