Der (ab)gelenkte Blick

Gepostet von in Überraschungsmoment

Die tschechische Nationalgalerie in der Hauptstadt Prag hat mich nicht nur wegen der Werke von Alfons Mucha nachhaltig beeindruckt. Die industriell geprägte Architektur des in den 1920er Jahren erbauten Gebäudes war es, die die Begehung des mit Kunstwerken bestückten Messepalastes für mich interessant gemacht hat. Irgendwie rau und kühl, weitläufig und in vielen Ecken düster erscheinend, präsentiert sich das Gebäude seinen Besucher*innen.

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Der Blick aus den vielen Fenstern des Messepalastes macht einem immer wieder bewusst, in was für einer Art Gebäude man sich aufhält und welche Form der Nutzung einmal vorgesehen war. Die grobe Architektur schreit nach Industrie und lenkt den Blick von Ebene zu Ebene immer wieder weg von den Objekten hin zum Gebäude selbst. Die Zwischentüren auf den Ebenen quietschen beim Öffnen, die Kombination aus Sohlen, Absätzen und Steinboden lässt die Schritte der Besucher*innen durch den Raum hallen und der Blick nach draußen wird von milchigen Fensterscheiben getrübt.

Doch sobald die Sonne scheint, verändert sich die gesamte Atmosphäre. Dort wo das Gebäude von ihren Strahlen getroffen wird, werden ganze Korridore mit Licht geflutet und der Messepalast in warme Farben getaucht. Der Blick von den oberen Galerien in die unteren Ebenen der Nationalgalerie verrät, wie abhängig das Raumempfinden vom Licht ist und wie es die Wahrnehmung der Objekte verändert.

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Mit natürlichen Lichtverhältnissen, die die Wahrnehmung von Objekten verändern, arbeiten Kunstlicht-Museen wie das mumok in Wien nicht. Auch das mumok erscheint von außen kühl, als dunkler, geschlossener Block. Dieser Eindruck wird in den Ausstellungsräumen, in denen mit Beleuchtungskonzepten gearbeitet wird, aufgebrochen. Doch ist das Kunstlicht konstant, verändert sich nicht und obwohl die Räume hell sind, wirken sie doch kühl. Es gibt keine Fenster, die Sonnenstrahlen und somit das Außen ins Innere lassen und dies hat Auswirkungen auf die Präsentation der Kunstwerke. Die Stimmung im Raum wird durch natürliche Lichtverhältnisse nicht verändert.

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In der Nationalgalerie Prag verändert sich diese je nach Wetterlage und auch die von den Besucher*innen gemachten Geräusche, die zum Teil durch renovierungsbedürftige Artefakte des Gebäudes bei der Begehung hervorgebracht werden, können einerseits als störend, andererseits als unglaublich dynamisch empfunden werden. Die Auswirkungen es Einfalls von Tageslichteinfall auf die Wahrnehmung der Exponate sind enorm. Licht lenkt den Blick der Betrachter*innen, moduliert den Raumeindruck und inszeniert Exponate. Bei ausgearbeiteten Beleuchtungskonzepten ist das visuelle Ambiente der Ausstellung quasi vorgefertigt. Natürlich wird auch in Häusern, die natürliches Licht zulassen, ergänzend mit Beleuchtungskonzepten gearbeitet. Hier lässt das Zusammenspiel von natürlichem und künstlichem Licht jedoch inspirierende Überraschungsmomente zu.